1998 Deutsche Meisterschaften
Rauchzeichen in Wedding
von Tino Eberl
Merkwürdige Dinge gingen vor in Wedding. Da finden die Deutschen
Meisterschaften im Eiskunstlauf statt, und alle schnappen nach Luft. Schnappen nach was?
Nach Luft! Nach "frischer" Berliner Luft. In der Tat war die Luft außerhalb der
Halle besser als innerhalb. Wie das sein kann, fragen Sie sich? Nun, die Zuschauer haben
geraucht, ganz einfach.
"Das macht doch nichts", werden Sie sagen, "die paar Leute und so eine
riesige Halle". Das macht schon etwas. Dazu muß man näheres zum Aufbau der Halle
wissen. Die Zugänge und Aufenthaltsbereiche befinden sich zu ebener Erde. Die
Zuschauertribünen und die Eisfläche sind nach unten in den Erdboden hineingebaut worden.
Die Halle ist also weniger hoch als vielmehr tief. Was im täglichen Trainingsbetrieb
nicht weiter stört, ist bei Großveranstaltungen wie den Deutschen Meisterschaften
keinesfalls praktikabel.
Normalerweise interessiert es niemanden, wenn 50 Meter entfernt jemand raucht. Wenn die
Halle jedoch nahezu ausverkauft ist, dann ist da nicht JEMAND, der raucht, sondern dann
sind da HUNDERTE, die rauchen. Regelmäßig in den Eiserneuerungspausen fand sich die
rauchende Zuschauerschar in den Aufenthaltsbereichen ein und vertilgte ganze
Zigarettenstangen. Die Aufenthaltsbereiche, insbesondere vor den Imbiß- und
Getränke-Verkaufsstellen sind allerdings keine abgeschirmten Raucherecken, sondern offen
zugängige Hallenteile. Die an der Decke befindliche Warmluftzuführung drückte dann mit
unnachgiebiger Beharrlichkeit den kalten blauen Dunst die Zuschauertribünen hinunter auf
die Eisfläche. Während die Nichtraucher unter den Zuschauern das stundenlange
Passivrauchen und den permanenten Hustenreiz ertrugen, war den Eiskunstläufern gar nicht
zum Lachen zumute.
Am Sonntag artete das Ganze dann derartige aus, daß sich offensichtlich die Sportler
über die Zustände beschwerten. Der Hallensprecher ermahnte die Zuschauer mehrfach, nicht
während des Wettkampfes zu rauchen. Das nun wiederum ist eher etwas für die Sendung
"Wie bitte?". Genau das machten doch sowieso fast alle. Was kümmert es den
Rauch, daß der Wettkampf fortgesetzt wird? Niemand kann die Hallenluft auf
Fingerschnippen spontan umwälzen. Logischerweise stank die Halle weiter vor sich hin.
Wie kann es sein, daß der Veranstalter es zuläßt, daß bei einer Veranstaltung mit
tausenden Zuschauern und über 200 Leistungssportlern geraucht werden darf?
Wieso herrscht in einer geschlossenen Leistungssportstätte kein generelles Rauchverbot?
Wieso wurde nach dem Bekanntwerden der Behinderung der Sportler das Rauchen nicht
untersagt?
Wieso kümmert es den Veranstalter nicht, daß hunderte Kinder, viele von ihnen selbst
aktive Läufer, stundenlang Tabakrauch passivrauchen mußten?
Die Dummheit, Unverantwortlichkeit und Ignoranz der Menschen ist wirklich unbegrenzt und
unbegreiflich. Zur Führung einer öffentlichen Sportstätte gehört auch der Schutz der
Gesundheit der darin arbeitenden oder trainierenden Personen. Das Aufstellen riesiger
Sandaschenbechern zur Wahrung der Brandschutzvorschriften ist damit nicht gemeint. Die
Gepflogenheit eines generellen Rauchverbotens, wie es in den meisten öffentlichen
Einrichtungen und Gebäuden seit Jahren vorherrscht, hat sich wohl bis in das
Erika-Hess-Eisstadion noch nicht herumgesprochen. Während in der Öffentlichkeit der
Widerstand gegen Belästigung und Gesundheitsschädigung durch Rauchen seit Jahren wächst
und Werbeverbote sowie Verbote zum Aufstellen von Zigarettenautomaten heiß diskutiert
werden, kümmert das in einer Leistungssportstätte offenbar niemanden. Während seit
Jahren von vielen Seiten permanent Aufklärung über die gesundheitlichen Risiken des
Rauchens und des Passivrauchens betrieben wird, raucht man in Wedding den Kindern lieber
etwas vor.
Wieso muß über - nach gesundem logischen Menschenverstand - selbstverständliche Dinge
eigentlich überhaupt diskutiert werden? Bleibt abzuwarten, wann ein Entscheidungsträger
endlich eine entsprechende Entscheidung fällt. Oder sind die Entscheidungsträger
zufälligerweise alle Raucher?
Vielleicht noch ein kleiner Tip zum Schluß: Es ist bald wieder Neujahr. Wie war das doch
gleich mit der guten alten Tradition gute Vorsätzen für das neue Jahr zu fassen...?
Copyright © 16. Dezember 1997 von Tino Eberl
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